Der Krieg in der Ukraine, eine friedensethische Herausforderung

von Frank Liedtke

bei dieser Veranstaltung konnte Jürgen Pohl vom Vorstand der DG Hamburg des BKU Tanja Höfert, Geschäftsführerin der Katholischen Friedensstiftung, und Prof. Dr. Heinz-Gerhard Justenhoven, Vorstand dieser Stiftung, zu einem aktuellen Vortrag und Austausch zum Krieg in der Ukraine begrüßen.

Zunächst stelle Tanja Höfert die Friedensstiftung vor, deren Leitgedanke „Frieden beginnt im Kopf“ schon zum grundsätzlichen Nachdenken anregt. Die Stiftung fördert das Institut für Theologie und Frieden. Dort arbeiten und forschen seit über 40 Jahren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den ethischen Grundlagen des Friedens.

Ursachen und Reaktionen

Prof. Dr. Justenhoven ist seit 1995 Direktor des Instituts für Theologie und Frieden in Hamburg. Er setzte sich in seinen Ausführungen mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine unter friedensethischen Gesichtspunkten auseinander. Er befasste sich mit einer angemessenen Reaktion auf diesen Überfall, ging auf die Ursachen des Krieges ein und sprach die ethischen Herausforderungen nach Ende des Krieges an.

Zunächst ist für eine ethische Bewertung maßgeblich, dass es sich um einen offenen Bruch des völkerrechtlichen Gewaltverbots handelt, auf das sich alle Mitgliedsstaaten der UN verpflichtet haben. Das in der UN-Charta erreichte Maß an völkerrechtlichen Regeln zur Überwindung der Anarchie in internationalen Beziehungen ist friedensethisch von Bedeutung, weil die internationale Rechtsordnung ein wichtiger, von der Kirche immer wieder eingeforderter Schritt zur Pazifizierung des zwischenstaatlichen Konfliktaustrages ist.

Gewalt gegen die Zivilbevölkerung

Zu den schockierendsten Fakten des russischen Krieges gegen die Ukraine gehört das Ausmaß an Gewalt gegen die Zivilbevölkerung und die Vernichtung der zivilen Lebensgrundlagen. Es ist ein Krieg, der durch eine humanitäre Katastrophe die Ukraine in die Knie zwingen soll. Der Internationale Strafgerichtshof hat Ermittlungen über mögliche Kriegsverbrechen beider Seiten eingeleitet und will Verbrechen zur Anklage bringen. Letztendlich geht es um die klare Feststellung, dass sich militärische Gewalt nicht auszahlen darf.

Prof. Dr. Justenhoven vertritt die These, dass die Ukraine eine konditioniertes Recht hat, sich selbst zu verteidigen, das am Ziel der Überwindung der Gewalt in den internationalen Beziehungen orientiert sein muss. Die zur Verteidigung eingesetzten Mittel, dazu gehören auch Waffen jeder Art, müssen in einem angemessenen Verhältnis zu diesen Zielen stehen. Das Verteidigungsrecht ist völkerrechtlich und ethisch konditioniert. Es gilt nur und insoweit der UN-Sicherheitsrat nicht tätig wird bzw. bis er tätig wird. Russland hat nun die Behandlung seines Überfalls auf die Ukraine durch den UN-Sicherheitsrat durch ein Veto blockiert.

Das Problem der Waffenlieferungen

Behandelt wurde ferner die Frage, ob eine Verpflichtung zur Lieferung schwerer Waffen besteht. Das Opfer einer Aggression muss Hilfe erhalten, um sich wehren zu können. Welche Mittel die Aggression wirkungsvoll überwinden und angemessen sind, ist nicht nur unter Christen umstritten. Herr Prof. Dr. Justenhoven hält die militärische Abwehr eines massiven militärischen Überfalls für angemessen, wenn alle nichtmilitärischen Maßnahmen sich absehbar als unzulänglich erweisen, die Verteidigung verhältnismäßig ist und die Aussicht auf Erfolg nicht in Abrede gestellt werden kann.

Der auch in kirchlichen Kreisen vorgebrachte Grund, aus historischer Verantwortung dürfe Deutschland in einem Konflikt mit Russland keine Waffen liefern, ist nach Auffassung von Prof. Dr. Justenhoven falsch. Das Argument greift genau andersherum: Aufgrund unserer historischen Verantwortung für das Unrecht in den Jahren 1939 bis 1945 gegenüber der ukrainischen, belarussischen wie russischen Bevölkerung sind wir verpflichtet, zu verhindern, dass Krieg als Mittel zur Durchsetzung welcher politischen Ziele auch immer eingesetzt wird. Es ist eine Frage politischer Klugheit und liegt in der Verantwortung der Politik im Detail zu entscheiden, welche Waffen geliefert werden können.

Sanktionen als Reaktion 

Im Weiteren kam Prof. Dr. Justenhoven auf Sanktionen als nichtmilitärisches Mittel, eine Kriegsbeendigung zu erzwingen, zu sprechen. Bislang haben die Sanktionen zwar keine spürbare Veränderung der russischen Politik zur Folge, aber Risse sind erkennbar. Die aktuelle Debatte um die Explosion der Energiekosten zeigt aber auch, dass die Rückwirkungen der Sanktionen durch den Stopp russischer Gaslieferungen mittelfristig erhebliche Auswirkungen auf unseren Lebensstil haben werden, nicht nur auf die Heizkostenrechnungen des kommenden Winters.

Weiterhin wurde die Frage diskutiert, ob die Selbstverteidigung der Ukraine Aussicht auf Erfolg haben kann. Mit dem Überfall auf die Ukraine hat der russische Präsident das Gegenteil von der erreicht, war er beabsichtigte. Die Ukraine ist als Volk einiger denn je in ihrem Kampf für die Freiheit und gegen die russische Okkupation. Es ist ein tiefer Graben zu Russland und zur russischen Gesellschaft entstanden. Das ursprüngliche Band zwischen beiden Völkern, das durch viele Familienband geknüpft war, dürfte auf absehbare Zeit zerschnitten sein.

Der Kampf um Autonomie ist der Kern des Krieges. Es ist ein Konflikt über die gesellschaftliche und politische Ordnung postsowjetischer Staaten. Für die Demonstrierenden auf dem Maidan ging es um die Selbstbefreiung von autoritärer Herrschaft und damit letztlich um ihre Würde. Dieser Drang nach Freiheit, nach politischer und individueller Selbstbestimmung ist eine Herausforderung für autoritäre Herrschaftsmodelle. Für ein autoritäres Regime spielt die Freiheit des Individuums keine Rolle, sie stört eher.

Herausforderungen nach einem Waffenstillstand

Abschließend ging Herr Prof. Dr. Justenhoven auf die Herausforderungen für die Zeit nach einem Waffenstillstand ein. Wir sind eindeutig schon heute verpflichtet an die Zeit nach dem Krieg zu denken. Es wird deutlich, dass es verschiedene gesellschaftliche Gruppen in Russland gibt, die Putins Krieg offen ablehnen. Der enorme Mut dieser Menschen verdient Respekt. Mit diesen Vertretern der russischen Zivilgesellschaft müssen wir im Gespräch bleiben. Es geht um unsere gemeinsame europäische Zukunft.

Darüber hinaus müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass die Menschen in der Ukraine dramatische Erlebnisse zu verarbeiten haben. Viele Kinder, Frauen und Männer sind traumatisiert und haben verletzte Seelen. Vergewaltigungen und Gewalterfahrungen vielfältiger Art werden die Menschen über Jahre belasten und müssen aufgearbeitet und psychotherapeutisch behandelt werden.

Es werden aber auch Hunderttausende von vorwiegend Ukrainerinnen mit neuen Erfahrungen aus dem Westen zurück in ihre Heimat kehren. Viele Frauen mussten und müssen ohne ihre Männer allein in fremden Ländern zurechtkommen. Auch diese Auslandserfahrungen werden die Gesellschaft in der Ukraine prägen. Eine gänzlich neue „Frauenpower“ ist denkbar.

Herr Prof. Dr. Justenhoven konnte aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung den Teilnehmern der BKU-Veranstaltung in der DG Hamburg fundierte Informationen und Sichtweisen darstellen, für die sich die TeilnehmerInnen auch an dieser Stelle nochmals ausdrücklich bedanken.

Stationen der Vita des Referenten

Prof. Dr. Justenhoven, geb. 1958 in Köln, absolvierte nach dem Abitur als Soldat auf Zeit (SaZ2) seinen Wehrdienst.

Von 1979 bis 1984 studierte er Kath. Theologie und Philosophie an der Phil.-Theol. Hochschule St. Georgen in Frankfurt/Main und an der Marquett University, Milwaukee USA.

Bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kath. Theologie/Sozialethik an der Universität der Bundeswehr Hamburg. 1990 Promotion zum Dr. theol. an der Phil.-Theol. Hochschule St. Georgen mit der Untersuchung über Friedensethik des Francisco de Vitoria.

1990 übernahm Dr. Justenhoven die Leitung des Referates „Militärseelsorge und Öffentlichkeit“ im Katholischen Militärbischofsamt Bonn.

Aktuelles

// Keine Ausweitung des Sonntagshandels

In einem Interview mit domradio.de spricht sich der BKU-Vorsitzende Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel gegen die Forderung der Kölner CDU nach mehr verkaufsoffenen Sonntagen aus.

// Gesprächspartner zum Tagesevangelium gesucht

Das Domradio sucht immer wieder interessante Gesprächspartner zum aktuellen Tagesevangelium auch aus den Reihen des BKU.

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