Erstes BKU-Abendgespräch 2026: Roland Koch zur Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft
Im Rahmen des ersten BKU-Abendgesprächs 2026 hat Prof. Dr. h.c. mult. Roland Koch, Ministerpräsident von Hessen a.D. und Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, über die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft gesprochen.
In seinem Impulsvortrag stellte Koch drei zentrale Herausforderungen der deutschen Wirtschaft vor. So sei Deutschland erstens von den jüngsten disruptiven Veränderungen besonders betroffen, da das Land von „der Offenheit der Welt und relativen Konfliktarmut extrem profitiert“ habe.
Zweitens habe Deutschland im internationalen Wettbewerb lange von einem guten Bildungsniveau, einer hohen Innovationsgeschwindigkeit, einer guten Infrastruktur und einem sicheren Rechtsrahmen profitiert.
Strukturproblem durch geringe Produktivität und stärkeren weltweiten Wettbewerb
Die deutsche Innovationskraft habe ermöglicht, „im Vergleich zu anderen auf der Welt mit relativ wenig Arbeit gute ökonomische Ergebnisse zu erzielen, die zu einem guten Wohlstand geführt haben – und zwar relativ quer durch die Bevölkerung.“
Angesichts wachsender internationaler Konkurrenz sei heute „das, was wir leisten, nur dann noch gut, wenn es jeweils im Vergleich zu allen anderen Plätzen und Fähigkeiten der globalen Welt spitze ist – das ist eine wesentliche Veränderung. Der internationale Wettbewerb gibt uns keine Schonräume mehr.“
Dementsprechend warnte Koch: „Wenn die geringere Produktivitätsentwicklung zusammenkommt mit einer steigenden Wettbewerbsfähigkeit anderer, dann entsteht daraus ein strukturelles Problem. Das Potenzialwachstum ist unterkritisch – und auf diesem Pfad können wir unser Leben, so wie wir es derzeit haben, nicht bezahlen.“
Die dritte Herausforderung seien wiederum Reaktionen auf diese Entwicklung, die teilweise „von der Handlungsweise des rational denkenden Homo oeconomicus der Wirtschaftswissenschaften weit entfernt“ seien. Dies offenbare sich Koch zufolge in protektionistischen Tendenzen in der EU als auch in den USA.
Koch kritisiert „mangelnde Beschreibung der Ernsthaftigkeit der Lage“
Koch kritisierte zudem eine „mangelnde Beschreibung der Ernsthaftigkeit der Lage“, die jedoch notwendig sei, um die deutsche Wirtschaft erfolgreich durch diese Herausforderungen zu führen. „Demokratien als auch Marktwirtschaften sind extrem unter Druck und haben an unterschiedlichen Stellen ein Legitimationsproblem“, so Koch weiter.
Infolgedessen würden viele „Protagonisten eigentlich freiheitlicher Prägung“ sich als nicht mehr satisfaktionsfähig ansehen und stattdessen für starke staatliche Eingriffe plädieren. Dies würde jedoch nicht nur zu mehr Schulden und Protektionismus führen; im besten Fall könnten so kritische Sektoren stärker gefördert werden, im schlechtesten Fall würde zusätzliche Regulierung die Kreativität und Innovation hemmen.
Seine Analyse abschließend stellt Koch fest: Anstatt Einzelfragen teils skurrilen Charakters zu diskutieren – wie dies zuletzt immer stärker getan wurde –, braucht es eine „Analyse der Grundfragen“, derer Koch ebenfalls vier nannte.
Erstens wies Koch darauf hin, dass geprüft werden müsse, ob in Deutschland genug gearbeitet werde. Gegebenenfalls gelte es Koch zufolge über Mechanismen und Maßnahmen nachzudenken, die dies verändern könnten.
Viele haben den „Eindruck, dass die Gesellschaft ungerechter und ungleicher wird.“
Zweitens müsse untersucht werden, ob die Produktivität hoch genug sei. Koch zufolge glaube jedoch niemand, dass dies der Fall sei. Mögliche Hebel sieht Koch im Abbau bürokratischer Hürden, wie etwa digitalisierungsbezogene Zustimmungspflichten von Betriebsräten.
Drittens müsse die Reform der Sozialversicherungen umgesetzt werden: „Beim Thema Gesundheit muss was passieren.“
Viertens hätten viele „mit steigender Tendenz den Eindruck, dass die Gesellschaft ungerechter und ungleicher wird.“ Es verärgere viele Beschäftigte, dass sie vergleichsweise viel arbeiten müssten, während andere, die nicht arbeiten, dafür relativ viel Geld erhielten.
Wenn diese Beschäftigten dann noch – etwa durch höhere Steuern und Abgaben bedingt – Einschnitte im Einkommen erlebten, würden sie sich zudem zunehmend fragen, welchen signifikanten Beitrag höhere Einkommen eigentlich leisten.
Das Abendgespräch und die anschließende Diskussion mit den Freunden und Mitgliedern des BKU moderierte der BKU-Bundesvorsitzende Dr. Martin Nebeling.