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Katholische Soziallehre und Soziale Marktwirtschaft: Ein wertebasiertes Gegenmodell zur Diktatur der Dealer

Werner Schniedermann plädierte bei der Bundestagung des BKU 2025 in Koblenz für eine Rückbesinnung auf Katholische Soziallehre und Soziale Marktwirtschaft als Antwort auf die Herausforderungen und Krisen unserer Zeit.

Die letzten Wahlen dokumentieren: Ein großer Teil der Bevölkerung verliert das Vertrauen in die Führungsfähigkeit unserer Eliten und des Staates. Die Krisen und Kriege in der Welt sind sattsam bekannt. Aber auch unser gesellschaftliches Gefüge wird zunehmend destabil. Die Riskoindikatoren sind deutlich festzustellen: Vermögen und Einkommen laufen immer mehr auseinander Zuwanderung, Demographischer Wandel, Abstiegsängste arbeitender Menschen in den unteren Einkommenssegmenten, Niedriglohn, Wohnungsnot, Zukunft der Rente, immer schwieriger zu finanzierende Sozialsysteme. Die politischen, ökonomischen und medialen Eliten unterschätzen den gesellschaftlichen Sprengstoff. Die Gewerkschaften haben ihre Mitglieder, nicht unbedingt alle Arbeitnehmer im Blick.

Die Diktatur der Dealer

In den USA entwickelt sich derweil eine zunehmende weltanschauliche und politische Macht von Technologiekonzernen, die lange, noch unter linkslibertären Vorzeichen, ignoriert wurde – erst jetzt, da immer mehr der Akteure im rechtslibertären Milieu zu verorten sind, stärker zur Kenntnis genommen wird. Es entsteht eine neofeudalistische, quasi religiöse und politische Macht der Tech-Konzerne, die man als „Diktatur der Dealer“ bezeichnen könnte. Die monopolistischen und autoritären Tendenzen, die Zerstörung gewachsener Handels- und Sozialordnungen, drohen auch in Deutschland und Europa das Erfolgsmodell der Sozialen Marktwirtschaft mit seinen christlichen Wurzeln zu verdrängen. Warum schwächelt ausgerechnet jetzt das Christentum?

Ethische Krise auch durch schwächelndes Christentum

Nach den Schrecken der Weltkriege erlebte das Christentum in Deutschland ein Zwischenhoch. In der Aufbauzeit blühte das kirchliche Leben zunächst wieder auf. Das Motto „Nie wieder Krieg“ förderte einen Geist respektvollen Umgangs auch im Kleinen.

Die Katholische Soziallehre prägte die Soziale Marktwirtschaft, die einen gesunden Wettbewerb förderte, mit fairen Regeln, „Wohlstand für alle!“, war der Leitspruch von Ludwig Erhard, mit dem konservative, liberale und Kreise der Wirtschaft damals kein Problem hatten. Matthias Zimmer beschreibt dies in seinen Schrift „Liberalismus und christliche Soziallehre – über die Verknüpfung zweier Denktraditionen“.

Allerdings wurde in der frühen Bundesrepublik die brutale Nazivergangenheit unter den Teppich gekehrt. Zurecht hinterfragte die 68iger Generation, wie es denn sein konnte, dass ein zu 90% sich christlich bekennendes Land die brutale Hitlerdiktatur zulassen konnte. Der Ausbruch aus dem Kleinbürgerlichen der 50iger Jahre war zwar verständlich.
Aber nur wenige ahnten, dass ein überstrapazierter Freiheitsbegriff in der Gesellschaft, und nach der Wende in der neoliberal sich wandelten Wirtschaft zu mangelnder Rückbindung der Freiheit an Verantwortung und Gemeinsinn führen würde, wie es für Christen selbstverständlich sein sollte. Der Zusammenhalt der Gesellschaft begann zu bröckeln. Bürgerliche Tugenden galten als Behinderung eines freiheitlichen Lebens. Die traditionelle Weitergebe des Glaubens in den Familie riss teilweise ab. Der Kirche gelang es nicht, diese Leerstellen auszufüllen. Die Verkündigung ihrer gehaltvolle Lehre wirkte menschenfern erstarrt, die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils blieben in den 80iger Jahren stecken. Die Kirche verspielte durch unglaubliche Skandale ihre Glaubwürdigkeit. Statt in wirren Zeiten Orientierung zu bieten, wirkt die Kirche hilflos.

Das Grundanliegen der Päpste von Johannes Paul II über Benedikt XVI bis zu Franziskussich im Geiste Jesus Christi der entsolidarisierenden Überindividualsierung entgegenzustellen, achtsam mit Mensch und Natur umzugehen, wurde gerade von deutschen Katholiken zernörgelt. Auch die Amtskirche fremdelte mit solchen Botschaften.

Ausgerechnet in Zeiten der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit stellten die Christen ihren Markenkern, den Geist Jesu des Ausgleichs, der Versöhnung und des sich Kümmern nicht ins Schaufenster, kreisten zu sehr um innere Angelegenheiten. Statt Licht der Welt zu sein, sind sie schales Salz. Kirche und Glaube machen sich in den Augen Vieler überflüssig.

In seinem Artikel „Welt ohne Gott – was nach dem Glauben kommt“ in der ZEIT vom 28.11.2021 diagnostiziert Thomas Assheuer; „Gut möglich, dass sich die älteste Institution der Welt ihr eigenes Grab gräbt und die Kirche in Europa zum dem schrumpft, was sie einmal war, eine kleine Sekte. … Nichtgläubige würden keinen Phantomschmerz verspüren. Mit einiger Herablassung behaupten sie, Religion sei nichts anders als die letzte Bastion des Irrationalen, ein Hirngespinst, das der progressive Weltgeist längst hätte zermalmen müssen. …“

Libertäre, materialistische Pseudoreligionen bedrängen das Christentum

Nach Thomas Assheuer wird allerdings kein religiöses Vakuum bleiben, sondern neue Pseudoreligionen entstehen. „Das biblische, zutiefst Menschen liebende, an Verantwortung gebundene Freiheitsverständnis, empfinden viele Menschen heute als Zumutung. … Stürbe dieses Erbe ab, erkalte auch der Glutkern europäischen Geistes. In diesem Szenario bezögen die Gesellschaften ihre Moral aus säkularen Quellen,“ (deren Diversität einen gesellschaftlichen Konsens über Werte und Normen erschwert.) Moderne Menschen schließen keinen geistigen Bund, sondern einen Vertrag.
Was an spirituellen Grundbedarf übrig bleibt, wird anderweitig gedeckt: etwa durch das Heilsversprechen des Kapitalismus – Wachstum, Wohlstand, Fortschritt – , den berühmten Fußballgott oder allerhand esoterische Trostgemeinschaften. Für höhenwertige Transzendenzerwartungen stünde gegebenenfalls die Kunst bereit, vorausgesetzt, sie
verwahrlost nicht völlig zum Spekulationsobjekt“ Dieses nicht an Verantwortung rückgebundene Freiheitsverständnis, „ist auch frei genug andere auszubeuten, die Erde zu ruinieren“. „Ohne die lästigen Mahnungen der Glaubensgemeinschaften könnten Hemmungen erodieren. …“, wie wir heute erleben.

Thomas Assheuer befürchtet schon 2021 den Aufstieg durchsetzungsfähiger, reaktionärer Diesseitsreligionen, die Heiligsprechung der Macht, und die Anbetung des Funktionalen,“ … Die neue Religion tritt nach dem Tod Gottes in Kraft“ und ist schon seit langem in China, den USA, Rußland und Brasilien zu besichtigen. Die neue Religion legitimiert einen Raubtierkapitalismus (Helmut Schmidt), der durch technologisch gestützte Ausbeutung von Mensch und Natur und durch Markt- und Machtkonzentration letztlich sogar den freiheitlichen Wettbewerb von Unternehmen als Effizienzverhinderer und Gewinnreduzierer zurückdrängt. Also totale Freiheit, für wenige „ICHs“ zu Lasten der anderen, die ein konsumorientiertes, vermeintlich selbstbestimmtes Leben führen dürfen. Es ist die Religion vom Goldenen Kalb, gestützt durch die Theologie „von der unsichtbaren Hand des Marktes“ mit dem „heiligen Ego“ als Schutzpatron, Konsum als seligmachendes Sakrament vorgaukelnd.

Mit umgekehrten Vorzeichen entwickelt sich der chinesische Staatskapitalismus. Dort wird der Gemeinsinn eines Konfuzius missbraucht, in dem er die kommunistische Staatsraison als „WIR“ zum Gott erhebt,
die Menschen aber, dem Freiheitsdrang der Menschen misstrauend, totalitär beherrscht. Christentum als Impulsgeber für eine menschlichere Welt

Die Katholische Soziallehre als Beispiel

Nach Assheuer ist dennoch unwahrscheinlich, dass Religion weltweit verschwindet. Es bleibt die Sehnsucht nach versöhnenden Riten einer solidarischen Gemeinschaft, es bleibt das Verlangen nach Trost in existentiellen Leiderfahrungen, die keine Sozialpolitik eliminieren kann und für die die Alltagssprache kaum Worte findet.“ Reflektierte Religionen weiten den Blick auf die gesamte Schöpfung und alle Menschen. Sie können jungen Menschen Fundament und Ziel geben, wenn sie Kriegstreibern ins Gewissen reden, wenn sie gerechte Regeln zum Schutz von Natur und Mensch einfordern, wenn sie daran zu erinnern, dass der ethisch oder religiös nicht domestizierte Mensch der größte Feind des Menschen ist. Denn die Überbetonung von individualistischen Einsichten und Einzelinteressen, unkontrollierte politische und wirtschaftliche Machtballung, extrem ungleiche Lebensbedingungen erzeugen gesellschaftliche und politische Spannungen, die sich in der Geschichte immer wieder in aggressiven Verteilungskämpfen und massiven Konflikten entladen haben.

Demgegenüber hat die nach christlichen Wertvorstellungen auf Balance auf Ausgleich gesellschaftlicher Spannungen ausgerichtete Katholische Soziallehre und die von ihr geprägte Soziale Marktwirtschaft einen umfassenden gesellschaftspolitischen Ansatz. Sie ist das ökoinomisch, soziale Geschwisterkind des demokratischen Prinzips von Checks and Balances.
Sie basiert auf den Grundsätzen:
– Personalität: Würde, aber auch Eigenverantwortlichkeit des Menschen
– Solidarität und Gemeinwohl
– Subsidiarität: Hilfe zur Selbsthilfe
– Nachhaltigkeit: Verantwortung für die Chancen kommender Generationen
Sie unterscheidet sich von kommunistischen oder sozialistischen Menschen- und Gesellschaftsbildern, die auf Gleichmacherei und Umverteilung setzen.
Die Katholische Soziallehre fußt in der konkreten Umsetzung auf zwei Säulen:
– Individuelle Hilfe für in Not Geratene
– Eigenverantwortung, gestützt auf systematische Gerechtigkeit durch wertebasierte Regeln und Gesetze, die soziale Schieflagen erst gar nicht entstehen lassen.
Sie unterscheidet sich auch von der Ideologie eines entfesselten Raubtierkapitalismus, der die Notwendigkeit solcher regulativer Vorsorge ablehnt.

In den Strukturkrisen des 19. Jahrhunderts, der Weimarer Republik und beim Werden der Bundesrepublik war die katholische Soziallehre durch das Zusammenwirken von Unternehmern, Politikern und Geistlichen und Vereinen mit Unterstützung der römischen Kirchenspitze Leo XIII, an dem Leo XIV wohl anknüpfen will, eine gestaltenden Kraft der Sozialpolitik, wie Bundespräsident Frank Walter Steinmacher auf dem Katholikentag in Erfurt attestierte. Warum nicht wieder in diesen Zeiten?

Katholische Soziallehre: konkret und jetzt

Anknüpfend an die Tradition der Katholischen Soziallehre des Sich-Kümmerns
und Sich-Einmischens in gesellschaftspolitische Grundsatzfragen haben sich:
– der Bund Katholischer Unternehmer BKU)
– die katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB)
– die katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd)
– das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK)
– die Kolping-Initiative „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ als Initiator

in der „Erklärung von Münster zur Lohngerechtigkeit“ zu einem katholischen Netzwerk zusammengeschlossen und hat inertessensübergreifend zwischen katholischen Unternehmer- und Sozialverbänden Empfehlungen an die Politik formuliert, nämlich die Sozialpartnerschaft und Tarifbindung zu stärken. Das hat uns von einigen Politikern fast verwundert Applaus eingebracht. Der Weg dahin war lang,14 Jahre (Anlage 2). Wir werden uns weiter in die politische Diskussion einbringen, in den Koalitionsvertrag haben wir es schon geschafft.

Der BKU empfiehlt darüberhinaus eine umfassende Arbeitsmarktreform zur Stärkung der Sozialpartnerschaft und fairen Wettbewerbs:
– Stärkung der Branchentarife gegen ausufernde Streiks
– Modifizierung des Streikrechts mit gesetzlich festgelegten Rahmenbedingungen zur Schlichtung, Friedenspflicht und existentieller Daseinsvorsorge
– Anpassung des Arbeitsrechts zur Erweiterung der tariflicher Spielräume zur Arbeitszeitflexibilisierung

Unser Bundesvorsitzender Martin Nebeling schrieb in der Einladung zur Bundesversammlung 2025: Den von Jesus uns ans Herz gelegte Nächsten, „finden wir auch am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft. Der BKU ist Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Kirche. Gemeinsam zeigen wir Leistungsbereitschaft in christlicher Verantwortung für unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.“ Das ist der tiefe Grund, warum der BKU sich mit katholischen Verbänden konkret für die Eindämmung des meist tariflosen Niedriglohnsektors, die Schaffung bezahlbaren Wohnraumsund ein gerechteres Steuersystem einsetzt. So können Christen Salz der Erde sein. Mit solchen interessensübergreifenden Lösungsansätzen für aktuelle Probleme kann die Katholische Soziallehre zur Beruhigung des gesellschaftlichen Klimas beitragen. Sie ist damit nach wie vor Ideengeber der Sozialen Marktwirtschaft und Impfstoff gegen Radikalisierung.

Katholische Soziallehre und Soziale Marktwirtschaft: ein Gegenmodell zur Diktatur der Dealer

Mit dem Erfolgsmodell „Soziale Marktwirtschaft“ war die Bundesrepublik Lokomotive der wirtschaftlichen Entwicklung Europas. Europa ist nach wie vor ein starker Wirtschaftsraum, aber im Inneren zerstritten, schlecht organisiert, hatte sich unter seiner Schutzmacht gut eingerichtet, hatte sich die Vorsorge erspart, für den Fall des Fallengelassenwerdens und wird nun zum Spielball zwischen den Machtblöcken. Dem hegemonischen und mit Rücksichtslosigkeit geführte Kampf der Großmächte, den wirtschaftlichen Machtmonopolen der Tech-Konzerne setzt Europa bisher wenig entgegen.

Die befriedende Stärke eines Geistes des Verständigung, des Ausgleichs der Interessen, der Zusammenarbeit mit mühseligen Kompromissen scheint auf den ersten Blick mit Egozentrikern im täglichen Leben, aber auch mit nationalegoistischen Machtblöcken im Großen nicht wettbewerbsfähig zu sein. Dennoch gilt das Wort des Psalmisten und das Motto des Kirchentages 2018 in der Stadt des Westfälischen Friedens: „Suche den Frieden und jage ihm nach“(Ps 34). Denn wir wissen doch aus der Geschichte und der aktuellen Weltlage: der Kampfes Jeder gegen Jeden ist riskant, zerstört den inneren Frieden und bringt den Völkern Krieg,Tod und Zerstörung.

Um in Frieden und Freiheit zu bestehen, tut Europa gut daran sich seiner geistigen Wurzeln zu erinnern, seine Zerrissenheit zu überwinden, die Kraft des Ausgleichs der Interessen wieder zu entdeckten, sich nach Innen und Außen stark aufzustellen, Abhängigkeiten zu reduzieren. Dazu können wir Christen beitragen, indem wir gegen zerstörerische Zeitgeister an den Handlungsmaximen der Katholischen Soziallehre und der Sozialen Marktwirtschaft unbeirrt festhalten, als wertebasiertes Gegenmodell und uns einmischen. Wenn es die katholische Soziallehre und die Soziale Marktwirtschaft nicht gäbe, müßte sie heute als Medizin für die Wunden der Welt erfunden werden.

Aber wenn das Christentum und die Soziale Marktwirtschaft von den neuen Pseudoreligionen und den rigorosen Machtblöcken zerrieben wird? Wir Christen glauben an die Torheit des Kreuzes, wie der Hl Paulus sagt. Für uns ist es nicht nur brutales Folterinstrument, sondern auch Zeichen der Hoffnung, dass Bosheit und Tod nicht das letzte Wort haben, dass Jesu Geist der Liebe Kompass für unser Leben bleibt, egal was passiert.

Über den Autoren

Der Autor Werner Schniedermann ist Sprecher einer Arbeitsgemeinschaft mittelständischer Busunternehmen,
Sprecher der BKU/KAB/KFD/ZdK/Kolping-Initiative „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ und Mitglied im AK „Soziale Ordnung“ des BKU.

Vor seinem Ausscheiden aus dem Hauptberuf war er CEO, Vorstand und Geschäftsführer der Westfälischen Verkehrsgesellschaft, des Flughafens Münster/Osnabrück, der Stadtwerke OsnabrückNordWestBahn, Flughafen Köln/Bonn.

Er studierte Geographie, Volkswirtschaft und Geschichte an den Universitäten Münster und München mit dem Schwerpunkt Stadt- und Landesentwicklung, ergänzt durch ein „Studium Generale“ in Politologie und Philosophie. Darüber hinaus absolvierte er eine Weiterbildung in Theologie und Liturgie an der Domschule Würzburg.