Der BKU in Hamburg
29. bis 31. Oktober 2010: Bericht von der Bundestagung
„Auch im protestantischen Norden findet eine BKU-Bundestagung statt!“ So begrüßte der Vorsitzende der Diözesangruppe Hamburg die rund 140 Teilnehmer der Tagung in der Handelskammer zu Hamburg.
Zur Einstimmung stellte Wilp die Stadt Hamburg und das gleichnamige Bistum vor: In der Hansestadt leben 1,8 Millionen Menschen, davon sind zehn Prozent katholisch. In dieser Diaspora hat sich der regionale BKU im Jahr 2004 wiederbelebt. Hier finden die Katholiken der Stadt Gleichgesinnte und eine geistige Heimat, was die Arbeit der Gruppe trotz der Diaspora-Situation leicht mache, erklärte Wilp.
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| Blick nach Amerika: Die BKU-Bundesvorsitzende Marie-Luise Dött, MdB, mit Dr. Hans-Jochen Klose und der Vorsitzende der BKU-Diözesangruppe Hamburg, Marcus Wilp. |
Klose und die USA
Als „Grandseigneur der deutschen Politik“ wurde der Koordinator der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, Dr. Hans-Ulrich Klose, MdB, auf der Bundestagung vorgestellt. Aus seinem „sehr privaten Verhältnis zu Amerika“ heraus gab der ehemalige Hamburger Bürgermeister einen Überblick über die deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Zwischen beiden Ländern gebe es ein ganz besonderes Verhältnis, das nicht erst seit der Wiedervereinigung Deutschlands zu Dank verpflichte. Unvergessen bleibt für Klose die Wiederaufbauhilfe der USA nach dem Krieg, die Luftbrücke für Berlin und die Hilfe bei der Wiedervereinigung.
Sorge bereiteten ihm indes viele aktuelle Entwicklungen in den USA. So hätten die USA die Wirtschaftskrise bei weitem nicht so gut verkraftet wie die deutsche Wirtschaft. Der amerikanische Arbeitsmarkt habe frühere Rezessionen leichter weggesteckt als die europäischen Märkte. Hierfür nannte Klose zwei Ursachen: So habe die Immobilienkrise auch dazu beigetragen, dass der US-Arbeitsmarkt unflexibler geworden ist: Früher hätten die amerikanischen Arbeitnehmer in Krisen ihre Häuser mit Gewinn verkauft und seien der Arbeit nachgezogen. Doch seit viele Immobilien gar nicht mehr oder nur mit Verlusten zu verkaufen seien, habe diese Wanderungsbereitschaft stark nachgelassen.
Amerika ohne Industrie
Darüber hinaus sei das Land weitgehend deindustrialisiert: Während die Industrie in Deutschland noch rund 25 Prozent der Wertschöpfung leiste, liege dieser Wert in den USA bei elf Prozent. Die Folge: Die Amerianer sind - von Ausnahmen abgesehen - gar nicht mehr in der Lage, exportfähige Güter herzustellen. Auch über die amerikanische Staatsverschuldung zeigte sich Klose sehr besorgt.
Innenpolitisch sei das Aufkeimen der sogenannten „Tea-Party“ kein gutes Zeichen um die gespaltene amerikanische Gesellschaft zu vereinen. Die rechtspopulistische Bewegung „Tea-Party“ betreibe moralisch und politisch Stimmungsmache gegen die Regierungspolitik in Washington. Mit verdeckten Spenden aus der Industrie arbeite die Bewegung so unter anderem gegen die Klimapolitik des Präsidenten.
Trotz all dieser Probleme seien die USA aber immer noch von enormer Wichtigkeit für die Europäer. „Europa braucht die amerikanische Führung“ sagte Klose. Ohne ein starkes Amerika seien die globalen Herausforderungen denen sich die Weltgemeinschaft gegenüber sieht nicht zu meistern. Auch in Sicherheitsfragen seien die Deutschen auf die USA angewiesen. „Die NATO ist das erfolgreichste Militärbündnis aller Zeiten“ stellte Klose fest, dieser Zusammenhalt müsse auch in Zukunft genutzt werden.
Der Impuls des BKU: "Nachhaltiges" von Prof. Hagenmeyer
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| Prof. Dr. Ernst Hagenmeyer |
Für den eigenen Impuls des BKU sorgte der dem Vorsitzenden des BKU-Arbeitskreises Nachhaltigkeit Prof. Dr. Ernst Hagenmeyer. Der ehemalige Vorstand der Energieversorgung Schwaben beschrieb die Nachhaltigkeit als Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und Sozialem. Dazu hat der Arbeitskreis einen Unternehmerspiegel formuliert. Anhand dieses Fragenkatalogs können Unternehmen die eigene Praxis reflektieren. Unter der Überschrift „Ökonomische Nachhaltigkeit“ schreibt der BKU: „Gewinn ist die Voraussetzung für unternehmerische Freiheit“ und fragt dann:
- Nutze ich diese Freiheit, um die Existenz des Unternehmens langfristig zu sichern und seine Substanz zu stärken?
- Habe ich ein Vision, wo ich in zehn bis 20 Jahren mit meinem Unternehmen stehen will? Wie sieht meine entsprechende Unternehmensstrategie aus?
Ressourcennutzung und Wertschöpfung
Weiter stellte Hagenmeyer klar: „Die Nutzung von Gottes Schöpfung macht unternehmerische Wertschöpfung erst möglich“. Diese Nutzung solle jedoch verantwortlich erfolgen, was der BKU unter anderem an folgenden Fragen festmacht:
- Welcher Ressourcenbedarf besteht bei der Herstellung meiner Produkte und wie kann ich ihn reduzieren?
- Wie helfen meine Produkte meinen Kunden, ihren Ressourcenbedarf zu verringern und langfristig Kosten zu senken?
- Wie belastet mein Produkt bei der Herstellung, der Verwertung und Entsorgung die Umwelt und wie kann ich die Belastung minimieren?
- Kenne ich den „ökologischen Rucksack“, den ich beim Einkauf übernehme, und wie kann ich ihn reduzieren?
Soziale Nachhaltigkeit
Eine wichtige Rolle spielt für den BKU auch die „Soziale Nachhaltigkeit“, die der Verband am Umgang mit den Mitarbeitern festmacht: „Arbeitszeit ist Lebenszeit! Wie sorge ich dafür, dass meine Mitarbeiter gerne und motiviert arbeiten und Sinn in ihrem Tun erfahren?“, heißt es im Unternehmerspiegel, der darüber hinaus klarstellt: „Jeder Mitarbeiter ist Person! Ist der Umgang mit meinen Mitarbeitern „berechnend“ oder von echter Wertschätzung geleitet? Nehme ich ihr familiäres Umfeld wahr und habe ich ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Nöte?“
Weit über das Bistum Hamburg hinaus bekannt ist Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke, der einen theologisch geprägten Vortrag einbrachte. Jaschke sieht in der gegenwärtigen Gesellschaft eine Tendenz zur Beliebigkeit und einen Rückgang des Religiösen.
Unter Bezug auf die aktuellen Papstenzykliken stellte er dar, was die Kirche dem entgegensetzt und welche Orientierungen sie der Wirtschaft gibt. So erkenne die Katholische Soziallehre die positiven Eigenschaften des Marktes an - als die Institution, die Begegnungen und Austausch zwischen den Menschen ermögliche.
Messe mit Erzbischof Thissen
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Messe im Mariendom: Der BKU-Ehrenvorsitzende Cornelius G. Fetsch, die Bundesvorsitzende Marie-Luise Dött, MdB, und Erzbischof Dr. Werner Thissen. |
Der Erzbischof von Hamburg, Dr. Werner Thissen, feierte mit den Tagungsteilnehmern ein festliches Hochamt im neu renovierten Mariendom. In seiner Predigt attestierte er den Menschen als Folge der Finanzkrise eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftssystems: „Es geht eben nicht nur um ein quantitatives Wachstum. Um ein noch mehr an Umsatz. Um ein noch mehr an Gewinn. Es geht auch darum, dass wir auf die Qualität unseres Zusammenlebens schauen. Wir brauchen ein qualitatives Wachstum,“ sagte er. „Das muss Umsatz und Gewinn gar nicht ausschließen, erschöpft sich aber nicht darin. Es macht mir Mut, wenn ich lese, dass sich der Anteil der nachhaltigen Geldanlagen in Europa seit 2008 nahezu verdoppelt hat.
Vitt und das Wertemanagement einer Privatbank
Wie das Wertemanagement einer Privatbank aussieht, beschrieb der Vorstandssprecher des Bankhauses Donner & Reuschel, Marcus Vitt. Am Beispiel des eigenen Hauses legte das BKU-Mitglied überzeugend dar, dass eine gute Mitarbeiterführung auch zu guten wirtschaftlichen Ergebnissen führt.
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| Tagungskulisse:Die Skyline des Hamburger Hafens. |
Marnette: Die Kries ist noch nicht überwunden
Dass die Wirtschaftskrise noch nicht überwunden ist, glaubt Minister a.D., Dr. Werner Marnette. In einem leidenschaftlichen Plädoyer beschrieb er, welche Reformen seiner Meinung nach derzeit erforderlich sind. Dazu gehöre das zersplitterte Schulsystem, in dem nach jeder Landtagswahl von Neuem aus ideologischen Gründen Operationen am lebenden Objekt vorgenommen würden. Für die Wirtschaft wünscht sich Marnette einen gesunden Mix aus Industrie und Dienstleistung. Den Banken attestierte Marnette eine besondere Verantwortung für die Funktionsfähigkeit der Wirtschaft, der sie jedoch nicht nachkommen. Besonders unverständlich ist es für ihn, dass viele Banken bereits wieder weiter agieren wie vor der Wirtschaftskrise.
Voges und die Grenzen des Staates
Was kann und sollte sich der Staat in Zeiten von Rekordverschuldung und Haushaltslöchern noch leisten? Dieser Frage ging der der Staatsrat der Finanzbehörde Hamburg, Dr. Michael Voges, nach. Voges wies zunächst darauf hin, dass Hamburg eine der wichtigen deutschen Metropolregionen ist: Alleine der Hafen beschäftige 150 000 Arbeitnehmer - mit steigender Tendenz. Und so konnte Voges berichteten, dass auch für Hamburgs Wirtschaft ein Ende der Wirtschaftskrise absehbar ist.
Gleichzeitig räumte er aber ein: „Auch Hamburg hat in den letzten Jahren über seine Verhältnisse gelebt“. Es müsse nun endlich zu einer Konsolidierung der Finanzen kommen. Hamburg sei hierbei schon auf einem guten Weg. Ein Kurswechsel in der Haushaltspolitik, sagte der Finanzpolitiker, sei nicht länger vermeidbar. „Die Politik muss endlich lernen mit dem vorhandenen Geld auszukommen.“ Schulden, so stellte der Finanzpolitiker klar, erweiterten zwar kurzfristig den Handlungsspielraum - und engten ihn aber langfristig ein.
An einem aktuellen Beispiel kam auch Voges nicht vorbei: dem Bau der Elbphilhamonie, der mit aktuell anvisierten 300 Millionen Euro deutlich teurer wird als geplant. Doch auch ohne dieses Geld ließe sich der Haushalt der Hansestadt kaum retten: Mit diesem Geld könne er gerade einmal drei Monate die Sozialhilfe finanzieren, rechnete der Staatsrat vor.
Gent und die Gesundheit
Dass auch die Gesundheit immer teurer wird, erfuhren die Gäste vom Vorstand der HanseMerkur Versicherung, Dr. Andreas Gent. Gent erinnerte daran, dass der Gesetzgeber im Jahre 2004 erstmals die strenge Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung aufgehoben. Die HanseMerkur hat dies aufgegriffen und bietet für Unternehmen Zusatzpakete an, mit denen sie die Gesundheit ihrer Mitarbeiter verbessern können. Doch bei aller Kritik am deutschen Gesundheitssystem wies Gent darauf hin, dass die Deutschen dieses offenbar doch schätzen: Als Anbieter von Auslands-Krankenversicherungen weiß er, dass erkrankte Urlauber im Ausland vor allem einen Wunsch haben: So schnell wie möglich zu einem Arzt in Deutschland zu kommen.
Der Ehrbare Kaufmann
Ein ethisch engagierter Verband, der in Hamburg tagt, kommt nicht am Ideal des Ehrbaren Kaufmanns vorbei. Diese Tradition wurde vorgestellt vom Vorsitzenden der Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmannes zu Hamburg, Egbert Diehl. Der attestierte selbstbewusst, dass dieses Leitbild „en vogue“ sei - aber auch mit vielen diffusen Begriffen verhaftet.
Damit zumindest die Tagungsteilnehmer es besser wissen, stellte Diehl das Leitbild dann ausführlich vor. Demnach ist der Ehrbare Kaufmann weltoffen und freiheitlich orientiert, steht zu seinem Wort und übernimmt auch Verantwortung in Wirtschaft und Gesellschaft. Er legt sein unternehmerisches Handeln nachhaltig an und tritt auch im internationalen Geschäft für seine Werte ein. An dieser Stelle warnte Diehl aber zugleich vor überzogenen Erwartungen an das gesellschaftliche Engagement der Unternehmen: „Wir sind nicht für die gesetzlichen Regeln in allen Ländern der Welt verantwortlich“, betonte er. Zudem sei es falsch, überzogene Standards aus Deutschland in alle Welt zu exportieren.