Beim 3. UnternehmerFORUM Frankfurt machten sich Bischof Tebartz-van Elst und Commerzbank-Vorstand Reuther auf die Suche nach dem „Jenseits von Zahlen" - in Anlehnung an den Ökonomen Wilhelm Röpke
„Werterziehung kostet Geld, aber sie
bringt Gewinn"
![]() |
| Der Bischof von Limburg, Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst, spricht beim UnternehmerFORUM in Frankfurt am Main. Foto: Bistum Limburg |
Ökonomismus war dem Ökonomen Wilhelm Röpke ein Graus. In seiner letzten großen Schrift, „Jenseits von Angebot und Nachfrage" aus dem Jahr 1958, brandmarkte er jene Geisteshaltung, die alle Bereiche der Gesellschaft ausschließlich materiell betrachtet und mithin blind ist für alles, was nicht in monetären Kategorien beschreibbar ist. Röpke ging es um die vorökonomischen Grundlagen des Wirtschaftens: Faktoren, Strukturen und Verhaltensweisen, die zentral für den Erfolg von Unternehmen, aber eben nicht bezifferbar sind.
Wie der ordoliberale Vordenker Röpke machte sich auch das „Unternehmerforum Frankfurt" auf die Suche nach dem „Jenseits von Zahlen" und fragte nach dem Wert und der Bewertung von Unternehmenskultur. An der Veranstaltung im Haus am Dom am 30. August nahmen mehr als 160 Unternehmer und Führungskräfte teil. Eingeladen hatten der Bund Katholischer Unternehmer (BKU), das Bistum Limburg und die Katholische Akademie Rabanus Maurus. Referenten waren der Bischof von Limburg Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst und Commerzbank-Vorstand Michael Reuther. Moderiert wurde die Veranstaltung von Michael Rieder, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Altira Group.
Reuther ist seit fünf Jahren Mitglied des Vorstands der Commerzbank AG und dort verantwortlich für das Geschäftsfeld Investmentbanking. Er erinnerte an Röpkes zentrale These, der Mensch als ganzheitliches Wesen im Sinne des christlichen Menschenbildes müsse im Mittelpunkt auch des Wirtschaftens stehen. Triebfeder wirtschaftlichen Handelns sei jedoch Gewinnstreben, wie Reuther anhand eines Zitats des englischen Moralphilosophen Adam Smith verdeutlichte „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeiten, sondern von deren Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse."
Banken sollen Diener sein
Doch wo verläuft die Grenze für legitimes Gewinnstreben? Reuthers Antwort: Dort, wo das Wohl anderer berührt wird. Staatliche Gesetze allein reichten nicht aus, um diese Grenze abzustecken. „Damit betreten wir den großen Raum von Moral und Ethik." Freiheit setze immer verantwortungsvolles Handeln voraus und dieses erfordere ein Abwägen sowie eine Reflexion über den Zweck des eigenen Wirtschaftens. „Der Finanzsektor hat eine dienende Funktion gegenüber der Gesamtwirtschaft", stellte Reuther klar. „Eine Bank hat nicht die Aufgabe, mit dem Geld ihrer Kunden riskante Wetten einzugehen."
![]() |
| Commerzbank-Vorstand Michael Reuther beim UnternehmerFORUM in Frankfurt am Main. Foto: Bistum Limburg |
Weil einige Bänker diese Aufgabenbeschreibung in der vergangenen Dekade nicht teilten, leiden heute alle unter einem massiven Vertrauensverlust, den Reuther mit Sorge beobachtet. Die Distanz der Bevölkerung zu Führungskräften der Wirtschaft sei heute beunruhigend groß, beklagte der Commerzbank-Vorstand und führte als Beleg ein Zitat aus einem Artikel von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher an. „Es zeigt sich, dass ein System, das angetreten ist, das Vorankommen von vielen zu ermöglichen, sich zu einem System pervertiert hat, das die wenigen bereichert", war im Beitrag Schirrmachers zu lesen.
Die Passage aus Schirrmachers Artikel ist ebenfalls ein Zitat und stammt von dem britischen Journalisten Charles Moore. Um einschätzen zu können, wie grundlegend die Banken- und Finanzkrise auch das politische Koordinatensystem durcheinandergewirbelt hat, muss man wissen, dass Moore ein bekennender Konservativer ist. Sein Beitrag im „Daily Telegraph" stand unter der provokativen Überschrift: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat."
Als Vorsorge gegen erneute negative Auswüchse der Finanzmarktökonomie empfahl Commerzbank-Vorstand Reuther: „Wir müssen zurückkehren zu den Werten und dem Konsens der Sozialen Marktwirtschaft." Wissenschaftliche Untersuchungen, zum Beispiel der Universität Sankt Gallen, hätten zudem einen Zusammenhang zwischen Werten und dem Erfolg eines Unternehmens belegt. Ein Viertel des betriebswirtschaftlichen Erfolgs werde der Wirkung einer gelebten Wertekultur zugeschrieben.
Mit dem Projekt „ComWerte" habe der Vorstand der Commerzbank 2007 einen Prozess in Gang gesetzt, um einen Wandel zu einer stärker wertorientierten Unternehmenskultur einzuleiten, berichtete Reuther. Sechs grundlegende Werte wurden von der Bank benannt: Leistung, Respekt, Partnerschaftlichkeit, Marktorientierung, Teamgeist, Integrität. Reuther zitierte das bekannte Diktum des ehemaligen Verfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde, wonach der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. „Auch die Wirtschaft lebt von Voraussetzungen, die sie nicht selbst schaffen kann", betonte Reuther.
Nach der Gier
Der Vortrag des Top-Managers wurde teils kontrovers diskutiert. Stephan Bannas, BKU-Mitglied aus Köln, entgegnete Reuther: „Ich finde es schade, dass christliche Werte instrumentalisiert werden, um den Unternehmenswert zu steigern. Wenn gar nichts mehr geht, versuchen es Unternehmen mit Ethik." Reuther konterte, Ethik habe schon immer einen wichtigen Stellenwert in Unternehmen gehabt. „Es gibt jetzt nach Jahren der Gier eine stärkere Rückbesinnung auf Ethik."
Der ehemalige Chef-Volkswirt der Deutschen Bank Norbert Walter kritisierte: „Es ist traurig, dass wir den Kapitalgesellschaften das Böse unbedingt zubilligen." In vielen öffentlichen Unternehmen seien die Krankenstände deutlich höher als in Kapitalgesellschaften. Dies lasse Rückschlüsse auf Führungsqualitäten und Unternehmenskultur zu „Ich finde, die Gemütlichkeit, mit der wir hier diskutieren, führt nicht in die Zukunft."
Ähnlich argumentierte auch der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst: „Den Mut zur Differenzierung sollten wir gerade als Christen aufbringen", mahnte er in seiner Reflexion und erinnerte an die Prinzipien der Katholischen Soziallehre Personalität, Solidarität und Subsidiarität. Subsidiarität bedeute, sowohl die Vielfalt als auch das Spezifische wahrzunehmen, und dabei den Blick für das Ganze nicht zu verlieren. „Das ist auch ein Problem der Kirche", räumte er ein.
Den hohen Stellenwert von Werten für die Kultur von Unternehmen unterstrich der Bischof mit den Worten: „Werterziehung kostet Geld, aber sie bringt Gewinn." Er sehe in der Finanz- und Wirtschaftskrise auch eine Chance, denn Christen sei die Möglichkeit zur Umkehr geschenkt.
Seine Vision von einer Rückkehr zu den Werten der Sozialen Marktwirtschaft brachte Tebartz-van Elst mit einem Leitsatz des französischen Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry auf den Punkt. „Eine Gemeinschaft ist nicht die Summe ihrer Interessen, sondern die Summe ihrer Hingabe."
Markus Fels

