Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus zu Gast in Frankfurt
"Das Finanzsystem ist falsch"
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| Muhammad Yunus sprach in der „Frankfurt School of Finance and Management" über Mikrofinanz und die Krise des Weltfinanzsytems. Foto: Opportunity International Deutschland |
Eigentlich wollte Muhammad Yunus in Frankfurt nur über jene Idee sprechen, für die er 2006 den Friedensnobelpreis bekommen hatte: Menschen Geld zu leihen, denen keine normale Bank etwas leihen würde. „Mikrofinanz - eine geniale Vision im Stresstest", lautete der Titel seines Vortrages.
Verglichen mit dem großen Stresstest, den das Weltfinanzsystem gerade durchläuft, wirken die Probleme und die Kritik jedoch klein, denen sich die von Yunus gegründete Grameen-Bank und andere Mikrokreditinstitute gegenübersehen. Der Ökonom aus Bangladesch kann also nicht umhin, sich auch zur Finanzkrise zu äußern. „Die Finanzkrise ist ein Weckruf", mahnt Yunus. „Das Finanzsystem ist falsch, denn es ist zugeschnitten auf die Reichen. Es muss ein inklusives System werden."
Diese Bank gehört den Kunden
In die Bankenmetropole eingeladen hatten Yunus die Mitglieder der „Mikrofinanzplattform Deutschland". Dem Netzwerk gehören Institutionen an, die im Bereich der Mikrofinanz in Entwicklungs- und Schwellenländern arbeiten. Mitglied der Plattform sind auch der Bund Katholischer Unternehmer und die BKU-nahe Afos-Stiftung. Gut 350 Gäste waren am 24. Oktober 2011 in die „Frankfurt School of Finance and Management" gekommen, um Yunus live zu erleben. Das Audimax der Hochschule war bis auf den letzten Platz besetzt.
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| Rund 350 Gäste waren in die Hochschule gekommen, um Yunus live zu erleben. Foto: BKU |
„Als wir verstanden hatten, wie normale Banken arbeiten, haben wir es genau umgekehrt gemacht", erinnert sich Yunus an die Gründung der Grameen-Bank im Jahr 1983. „Wir sind die einzige Bank der Welt, die den Kreditnehmern gehört, und die einzige Bank der Welt, die Frauen gehört - armen Frauen." Heute hat die Bank laut Yunus 8,3 Millionen Kunden, 97 Prozent sind weiblich. Die Bank verlangt keine klassischen Sicherheiten bei der Vergabe von Krediten. „Unsere Bank basiert auf Vertrauen", sagt Yunus.
Auch wenn der Wirtschaftsprofessor nicht explizit über die Finanzkrise spricht, wird zwischen den Zeilen Kritik am Menschenbild des kriselnden westlichen Wirtschaftssystems deutlich. Yunus ist überzeugt, dass alle Menschen von Natur aus Unternehmer sind. Gesellschaftliche Veränderungen hätten dazu geführt, dass die meisten Menschen für andere arbeiteten, statt selbst Arbeit zu schaffen. „Jeder Mensch sollte aber die Wahl haben, ob er ein Arbeitssuchender oder ein Arbeitgeber ist." Menschen seien mehrdimensionale Wesen. „Sie wollen Geld verdienen und Dinge tun, die Auswirkungen auf die Welt haben." Das gegenwärtige Wirtschaftssystem gehe „von der Annahme aus, dass Menschen Roboter sind, denen es nur ums Geldverdienen geht. Menschen haben aber auch Freude daran, andere Menschen glücklich zu machen", betont der Nobelpreisträger.
Kleinkredite und Global Player
Angesprochen auf die Kritik, im Mikrofinanzsektor würden Entwicklungspotenziale vergeudet, da sich dieser ganz auf die Ärmsten der Armen konzentriere, entgegnet Yunus: „Wir hindern andere nicht daran, irgendetwas zu tun! Wir arbeiten gegen niemanden!" Dass es insbesondere im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh Probleme gebe, unter anderem durch Kommerzialisierung und übersteigerte Gewinnorientierung von Mikrofinanzunternehmen, räumt Yunus allerdings ein und mahnt: „Blindes Profitstreben darf den Kern der Mikrofinanzbewegung nicht ad absurdum führen. Die Mikrofinanzmuss ihren sozialen Fokus behalten."
Das Soziale im Blick zu haben, ist Yunus‘ Mission. Für diese Idee kämpft er nicht nur bei Anbietern von Kleinkrediten sondern auch bei Global Playern. Er erzählt gerne von einem Gespräch mit Herbert Hainer, dem Chef des Sportartikelherstellers Adidas. Yunus wollte ihn für seine Überzeugung gewinnen, dass niemand auf der Welt barfuß unterwegs sein sollte und trug sein Ziel, für jedermann bezahlbare Schuhe zu produzieren Herbert Hainer vor. Der Bayer reagierte skeptisch: „Das ist eine große Vision, Herr Yunus." - „Adidas ist ein großes Unternehmen", konterte der Friedensnobelpreisträger. „Was sollen die Schuhe kosten?", fragte Hainer. - „Unter einem Euro." Hainers Antwort: „Sie sind ein sehr schwieriger Mann."
Yunus ist sichtlich amüsiert als er seinen Dialog mit dem deutschen DAX-Vorstand wiedergibt. Grund zur Freude hat er: Im Nachhaltigkeitsbericht des zum Adidas-Konzern gehörenden Sportartikelherstellers Reebok war 2010 zu lesen: „ In den Schwellenländern werden wir ein sehr grundlegendes Bedürfnis befriedigen: etwa 300 Millionen Menschen haben keine Schuhe, was sowohl ein wesentliches Hindernis für mehr Fitness als auch eine Gesundheitsbeeinträchtigung darstellt. Wir untersuchen mögliche Lösungswege."
Markus Fels
Hintergrund: Investment-Managerin Schröder über Deutschlands ersten Mikrofinanzfonds
"Kommerzialisierung ist erwünscht"
Seit Juli 2011 sind Mikrofinanzfonds auch hierzulande zum öffentlichen Vertrieb zugelassen. Möglich wurde dies durch eine Änderung des Investmentgesetzes auf Initiative des BKU. Edda Schröder, Geschäftsführerin von „Invest in Visions", hat den ersten deutschen Mikrofinanzfonds aufb den Weg gebracht
BKU-Journal: Sie haben den ersten Mikrofinanzfonds mit Sitz in Deutschland aufgelegt. Welche Zielgruppe haben Sie als Investoren im Blick?
Edda Schröder: Unser Fonds ist seit kurzem zum öffentlichen Vertrieb zugelassen. Deshalb haben wir auch Privatpersonen im Blick, die den Fonds über Banken oder Vermögensberater erwerben können. Zu unserer Zielgruppe gehören aber auch institutionelle Kunden wie Stiftungen, Vermögensverwaltungen, Family Offices oder Banken.
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| Edda Schröder ist Geschäftsführerin der INVEST IN VISIONS GmbH. Die Gesellschaft für den Vertrieb von Investmentfonds hat den ersten Mikrofinanzfonds in Deutschland initiiert. Ehrenamtlich wirkt Schröder im Vorstand der AFOS-Stiftung mit. |
BKU-Journal: Was spricht für Mikrofinanzfonds als Anlageform?
Edda Schröder: Da ist zunächst das soziale Engagement: Menschen in Entwicklungsländern erhalten Zugang zu Geld für unternehmerisches Handeln. Hinzu kommt das geringe Risiko von Mikrofinanzfonds: Bei uns geht es um laufende meist kurzfristige Kredite, die nicht börsentäglich gehandelt werden. Wir streuen sehr stark über unterschiedliche Regionen, Länder und Mikrofinanzinstitute. Verstärkt wird die Streuung noch dadurch, dass die einzelnen Kreditbeträge sehr niedrig sind. Wenn von diesen kleinen Einheiten einige ausfallen, merken wir das nicht. Durch die geringe Korrelation zu anderen Anlageklassen wie Aktien- und Rentenmärkten, schwankt der Mikrofinanzmarkt nicht in dem Maße, wie andere Märkte.
BKU-Journal: Muhammad Yunus wird nicht müde zu betonen, dass Mikrofinanzinstitute wie die von ihm gegründete Grameen-Bank nach gänzlich anderen Regeln funktionieren als normale Banken. Sie legen einen Fonds auf, der auch gewinnorientiert ist. Wie geht beides zusammen?
Edda Schröder: Klar gibt es Unterschiede zwischen beiden Welten. Normale Banken haben wohlhabende Menschen als Zielgruppe, Mikrofinanzinstitute die armen. Banken ziehen sich in die Zentren zurück, Mikrofinanzinstitute gehen aufs Land. Aber auch Institute wie die Grameen-Bank müssen Gewinne erzielen, um sie wieder reinvestieren zu können. Auch wir als Fonds müssen Gewinne erwirtschaften, um als Anlageinstrument interessant zu bleiben. Der große Unterschied ist: Im Mikrofinanzsektor geht es nicht um Gewinnmaximierung.
BKU-Journal: Sehen Sie die Gefahr, dass der Sektor einer zunehmenden Kommerzialisierung unterworfen wird, wenn er weiterhin wächst?
Edda Schröder: Ja, und das ist auch gewollt!
BKU-Journal: Überraschende Antwort. Das müssen Sie erklären.
Edda Schröder: Mikrofinanz ist eine erste Stufe, um Finanzdienstleistungssysteme in Entwicklungsländern zu schaffen. Wenn sich der Standard in diesen Ländern unserem angenähert hat, wird Mikrofinanz irgendwann überflüssig. Dann wird es normal sein, dass man dort so etwas wie Genossenschaftsbanken oder Sparkassen, die die Menschen vor Ort mit Finanzdienstleistungen versorgen..
BKU-Journal: Ist mit der Kommerzialisierung auch das Risiko verbunden, dass nicht mehr das Soziale im Vordergrund steht, sondern eben doch Gewinnmaximierung?
Edda Schröder: Das kann so sein. Zu schauen, wer sich an die Standards hält, ist unsere Aufgabe als Fonds.
BKU-Journal: Können Sie das von Frankfurt aus überblicken?
Edda Schröder: Nein, und deshalb gehen wir mit einem Investment- und einem Risikomanager in das jeweilige Land und sehen uns jedes einzelne Mikrofinanzinstitut an - nicht nur die Zentrale, sondern auch Filialen und wir sind bei Kundengesprächen dabei. Dadurch erhalten wir ein sehr gutes Bild davon, wie die Institute agieren.
BKU-Journal: Ist es wirklich sinnvoll, wenn mehr Geld in Mikrokredite fließt? Leidet darunter nicht die strenge Überwachung der Kreditvergabe?
Edda Schröder: Überschuldung war in Bosnien-Herzegowina ein sehr
großes Thema. Das lag aber weniger an der Geldmenge, sondern vielmehr an
der mangelnden Kontrolle. Dort gab es so etwas wie die deutsche Schufa
nicht. Andere Länder sind weiter und haben inzwischen ähnliche
Kontrollmechanismen oder bereiten sie vor. Es ist eine normale
Lernkurve, dass sich die Geldinstitute in einem Wachstumsmarkt
vernetzen, um zu wissen, wer wo welche Kredite bekommt.
BKU-Journal: Im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh ist eine
regelrechte Mikrofinanzindustrie entstanden. Folge war unter anderem,
dass viele Haushalte in die Überschuldung schlitterten, weil sie gleich
mehrere Kredite bedienen mussten. Was tun, um solche negativen Auswüchse
zu verhindern?
Edda Schröder: Das Problem in Indien war ein Stück weit hausgemacht. Banken sind dort verpflichtet, einen Teil ihrer Kredite an arme Menschen zu vergeben. Die Banken haben sich auf diesen Markt gestürzt, weil sie gesehen haben, dass es ein profitables Massengeschäft ist. Die Regierung in Indien hat jetzt als Gegenmaßnahme eine Zinsobergrenze eingeführt. Dadurch ist dieser Markt für die Banken nicht mehr so attraktiv.
BKU-Journal: Welche Auswirkungen hat der wachsende Mikrofinanzsektor auf das Geschäft klassischer Banken?
Edda Schröder: Banken wollten in diesen Markt, weil es attraktiv für sie aussah. Aber sie haben sich Mikrofinanz einfacher vorgestellt, als es ist. Viele haben sich wieder zurückgezogen, zum Beispiel die Barclays Bank in Teilen von Afrika. Es gibt nicht mehr „den" Mikrofinanzmarkt. Dieser Sektor ist inzwischen sehr ausdifferenziert zwischen den unterschiedlichen Regionen auf der Welt. Mikrofinanz in Asien befindet sich in einem ganz anderem Status als Mikrofinanz in Lateinamerika Wir werden zum Beispiel nicht mehr in Osteuropa investieren.
BKU-Journal: Weshalb?
Edda Schröder: Weil in diese Region sehr viel Geld fließt und es dort meiner Ansicht nach schon sehr kommerziell ist.
Das Gespräch führte Markus Fels.
Neuer gesetzlicher Rahmen |
| Durch eine Änderung des Investmentgesetzes im Juli 2011 haben sich die Rahmenbedingungen für Mikrofinanzfonds in Deutschland verbessert. Bislang durften Kapitalanlagegesellschaften nur in Mikrofinanzinstitute investieren, an denen eine Entwicklungsbank wie die deutsche KfW beteiligt ist. Dieser restriktive Rahmen führte dazu, dass in Deutschland keine Mikrofinanzfonds aufgelegt wurden. Wer an dieser Anlageform interessiert war, musste ins Ausland ausweichen. Durch die Gesetzesänderung ist es nun möglich, dass inländische Fonds bis zu 95 Prozent ihres Vermögens in unverbriefte Darlehensforderungen von regulierten Mikrofinanz-Instituten investieren. Regulierte Mikrofinanz-Institute sind Unternehmen, die in ihrem Sitzstaat als Kreditinstitut zugelassen sind und nach international anerkannten Grundsätzen beaufsichtigt werden, und deren Haupttätigkeit die Vergabe von Gelddarlehen an Kleinunternehmer für unternehmerische Zwecke darstellt. maf |

