Die Diözesangruppe Köln besichtigte am 13. Juli 2011 das neue Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum des Stadtarchivs

Wie aus "Blumenkohlbüchern" wieder Archivalien werden

Drei Minuten reichen aus, um das Gedächtnis einer Stadt auszulöschen. 30.000 Regalmeter Archivalien aus 1200 Jahren Geschichte wurden beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs am 3. März 2009 zerstört: tausende Akten, Urkunden, mittelalterliche Handschriften, historische Siegel und Fotos - sie alle wurden mehr oder weniger stark in Mitleidenschaft gezogen und müssen aufwändig restauriert werden.

Ein großer Teil der aus den Trümmern geborgenen Archivalien wird im neuen Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum (RDZ) aufgearbeitet. Durch Vermittlung des BKU-Mitglieds Hermann Josef Johanns war die Diözesangruppe Köln zu einer Besichtigung eingeladen. 

Die Chefrestauratorin des Historischen Archivs, Nadine Thiel (links), und der Leiter des Sachgebiets Benutzung und Bibliothek, Dr. Andreas Berger, zeigen eine aus den Trümmern geborgene Akte.                                                                             Foto: Peter Unterberg

 

Bevor das RDZ in die Hallen in Köln-Porz eingezogen ist, lagerten dort Möbel. Die Stadt Köln mietete das Gebäude beim Einrichtungshaus Porta an. In den kommenden Jahren wird die 10.000 Quadratmeter große Liegenschaft eine der zentralen Einrichtungen für die Instandsetzung der Kölner Archivalien sein; für diesen Zweck wurde sie eigens umgebaut. Klimaanlagen garantieren, dass in den Magazinen die optimale Temperatur und Luftfeuchtigkeit für die Lagerung der Dokumente herrscht. Die Werkstätten wurden mit modernen, teils extra angefertigten, Geräten ausgestattet. Sie sind nötig, damit aus den durch Feuchtigkeit und mechanische Einwirkungen beschädigten Dokumenten, wieder ein nutzbarer Archivbestand wird.

Gefriergetrocknet und gereinigt

„Akten, die unter Wasser gelegen haben, quellen auf", erläuterte Chefrestauratorin Nadine Thiel. „Wenn diese Unterlagen bei uns auf den Tisch kommen, hat sich ihr Volumen oft verdreifacht." Als „Blumenkohlbücher" bezeichnen die Restauratoren solche Fundstücke. Um sie zu retten, werden sie gefriergetrocknet und mit Pinseln, Bürsten und Latexschwämmen schonend von Verunreinigungen befreit. In Klimakammern werden die Blumenkohlbücher sodann unter kontrollierten Bedingungen wieder in Form gebracht.

Teilweise ist es auch notwendig, dass Dokumente gespült werden, um sie zu erhalten. Hierfür hat das RDZ große Becken aus Edelstahl. Je nach Verschmutzungsart- und -grad kommen verschiedene Wasserqualitäten zum Einsatz - von normalem Trinkwasser bis zu demineralisiertem Wasser, erklärte Thiel. Nach der Restaurierung werden die Archivbestände digitalisiert und katalogisiert. Der Leiter der Digitalisierungsabteilung, Dr. Andreas Berger, und sein Team verfügen dazu unter anderem über einen raumfüllenden Scanner. Das High-Tech-Gerät sei mit einer hochauflösenden Optik ausgestattet und könne auch übergroße Formate wie Landkarten abtasten, berichtete Berger.

In der Restaurierungsabteilung sollen künftig 18 Fach- und bis zu 40 Hilfskräfte arbeiten. Die Magazine bieten eine Lagerfläche von 18 Regalkilometern, um Archivgut fachgerecht zu lagern. „Für die eingestürzten 30 Regalkilometer bräuchte ein Restaurator umgerechnet 6300 Jahre", erläuterte Chefrestauratorin Thiel. Sie zeigte sich jedoch optimistisch, dass die Restaurierung in den nächsten 30 bis 50 Jahren erreichbar ist - mit Hilfe von anderen Archiven und wenn die Anlage in Porz vollkommen in Gang gekommen ist. „Der Aufwand für die Restaurierung wird in etwa 350 Million Euro kosten", sagte Thiel.

Millionen zur Rettung der Dokumente

Um den Finanzbedarf sicherzustellen, wurde die Stiftung Stadtgedächtnis gegründet. Das Kapital in Höhe von gut vier Millionen Euro wurde unter anderem von der Stadt Köln, dem Land NRW, der Bundesrepublik Deutschland, dem Erzbistum Köln und der Evangelischen Landeskirche bereitgestellt. Schirmherr ist Bundespräsident Christian Wulff.

Die Stiftung freue sich auch über kleine Spenden, sagte Hermann Josef Johanns, der die Institution als externer Berater unterstützt. Wenige Euro reichten beispielsweise aus, um Latexschwämme zu erwerben. Das natürliche Material nutzen die Restauratoren als eine Art Radiergummi, um Papier schonend von Schmutz und Staub zu befreien. Aus befleckten Papierfetzen werden so wieder Archivalien, denen man die Folgen der Katastrophe vor gut zwei Jahren kaum noch ansieht.

Markus Fels

Weitere Informationen zur Stiftung Stadtgedächtnis finden Sie hier .

 

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